Das Buch, Fertige Kapitel
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Kapitel 1: Warum ich dieses Buch schreibe.

Laut leben. Die Eizelle.

Dieses Buch ist ein Buch über Leidenschaft im digitalen Zeitalter. Es handelt davon, wie man mit Hilfe von Technologie leidenschaftlich lebt und wächst. Jeder für sich und doch für alle.

Es ist ein Buch über die Tugend, laut zu sein.

Der Titel dieses Buches ist keiner, dem man von einem Berater für Digitale Transformation erwartet. Und doch hat er einen sehr intensiven Bezug zu meinem Erwerbsleben. (Ich mag diesen beamtigen Begriff sehr. Er klingt in postindustrieller Zeit nahezu kafkaesk.) Denn in meiner professionellen Filter-Bubble hat sich in den letzten Monaten ein neuer Begriff Karriere gemacht, der mich sehr inspiriert hat:

“Working out loud”

Dieser Ausdruck wurde, soweit ich das nachvollziehen kann, von Bryce Williams geprägt, der die folgende Kurzdefinition aufgeschrieben hat:

Working Out Loud = Observable Work + Narrating Your Work
(When will we Work Out Loud? Soon!, The BrycesWrite)

Was er damit sagen will, ist das folgende: Wenn wir alle in einer großen Organisation transparent machen, woran wir gerade arbeiten und zudem darüber berichten, warum und wie wir das tun, werden wir und die Organisation auf lange Sicht erfolgreicher sein als wenn wir in unseren Büros einsam und abgeschottet vor uns hin klöppeln. Weil wir voneinander lernen können. Weil weniger Arbeit doppelt getan wird. Weil wir die Fehler anderer vermeiden lernen. Und weil wir uns gegenseitig mit guten Ideen unterstützen können.

“Working out loud” hat sich schnell zu einem Kernbegriff der sogenannten “Enterprise 2.0 Diskussion” entwickelt. Ein Enterprise 2.0 ist laut Definition des BVDW

ein Unternehmen oder eine Organisation, in dem alle internen und externen Stakeholder (u.a. Mitarbeiter, Kunden, Partner, Anteilseigner) gemeinsam und auf Basis unternehmenseigener Social Software (z.B. Enterprise Social Networks oder Social CRM Systeme) an der Erreichung der Unternehmensziele arbeiten.

Der Einsatz von unternehmenseigener Social Software dient dabei vor allem der Schaffung dialogischer, transparenter und inklusiver Prozesse, die eine Organisations- und Führungskultur ermöglichen, mit deren Hilfe bisher verborgene Effizienz-, Wissens- und Innovationsreserven zur Steigerung der Unternehmensperformance nutzbar gemacht werden können.

“Laut zu arbeiten” ist deshalb so wichtig für ein Enterprise 2.0, weil “verborgene Reserven” nur dann zu heben sind, wenn wir darüber miteinander sprechen, unsere Erfolge und MIsserfolge transparent machen und unsere Arbeit dokumentieren. Nur was für alle sichtbar ist, kann gelernt und verbessert werden. Digitale Tools sind dabei ganz wesentliche Helfer. Deshalb sind facebook- und twitterartige Kommunikationsmechanismen die wichtigsten Bestandteile solcher Social Software-Pakete. Deshalb gibt es dort aber auch sogenannte „Activity Streams“, digitale, für alle anderen einsehbaren Akten, die deutlich machen, woran ich gerade arbeite, was mich interessiert, wem ich folge, wem nicht und wo ich gerade bin. Sie machen meine Arbeit nachvollziehbar, öffnen meinen Alltag für andere und geben den Kollegen die Chance zu partizipieren.

Viele Organisationen weltweit arbeiten zur Zeit daran, diese Idee in ihren Prozessen zu verankern, um damit neues Denken und Arbeiten zu etablieren. Und die meisten von Ihnen beginnen dabei mit der Einführung von Technologie. Überall werden neue, sogenannte “soziale” Intranets gebaut, Videokonferenzräume eingerichtet, Smart Phones verteilt, Unternehmens-Facebooks eingeweiht. Das Ziel dieser Initiativen ist in allen Fällen ganz klar:

Ein besseres Unternehmen.

Aber es ist schon jetzt absehbar, dass die meisten dieser Projekte in nächster Zeit ihre selbstgesteckten Ziele nicht erreichen werden, so zumindest die Unternehmensberatung Gartner:

Gartner, Inc. estimates that through 2015, 80 percent of social business efforts will not achieve the intended benefits

Die Gründe für dieses angekündigte — und meines Erachtens nicht unwahrscheinliche — Versagen sind laut Gartner die folgenden:

There is too much focus on content and technology, and not enough focus on leadership and relationships

Übersetzt heißt das: Unternehmen optimieren zwar ihre digitalen Technologien, um die Menschen und ihre Art zu kommunizieren und Beziehungen zu knüpfen, zu verändern — aber diese bleiben davon ungerührt. In bester marxistischer Tradition glaubt man allerorten, dass das Sein das Bewusstsein bestimmt und sich das erwartete Verhalten durch die Schaffung einer entsprechenden technologischen Basis schon einstellen wird. Aber die Rechnung geht nicht auf.

Denn das Menschenbild solcher Rechnungen sieht den Mitarbeiter als eine Art fernsteuerbaren Golem an der langen, elektrischen Leitung, einen Tropf am digitalen Tropf sozusagen. Klicke ich hier auf Kommunikation folgt dort automatisch die Mitarbeiter-Konversation, so das Kalkül vieler Organisationen. Aber Menschen, denen über Jahrzehnte beigebracht wurde, dass es besser ist, nicht aufzufallen, seinen Job zu machen und dem Chef nicht zu widersprechen, bewegt man nicht durch Klicks. Nur durch das Vorhandensein von äußerungsverstärkender oder -beschleunigender Technologie wird niemand zu einer kreativitätssprühenden Plappertasche, die den Weltmarkt mit bahnbrechenden neuen Produkten erobert. Dazu gehört wesentlich mehr. Denn letztendlich gilt es doch, eine ganze Kultur zu verändern. Wo früher top down drin war, Kommando und Kontrolle, muss jetzt Eigenverantwortung, Mut und selbsttätige Vernetzung rein, damit der Plan aufgehen kann. Und dazu muss ich Menschen nicht steuern sondern bewegen, im Kopf und im Herzen.

Um das zu erreichen muss man meiner Erfahrung nach in einem Unternehmen zumindest drei Dinge tun:

  1. Den Menschen deutlich machen, dass die Veränderung — von geräuschloser Efizienz zu “lautem Arbeiten”- nicht nur gewünscht, sondern auch notwendig ist.
  2. Die Bedenkenträger und Blockierer, die den Menschen guten Willens im Weg stehen, aus dem Weg räumen.
  3. Dem einzelnen die Frage beantworten: “Was habe ich davon?”

Im Unternehmen ist für Nummer 1 und 2 vor allem der Vorstand verantwortlich. Das Top-Management muss hinter den Plänen stehen, muss deutlich machen, warum diese Veränderungen notwendig sind, das gewünschte Verhalten vorleben, dem mittleren Management ins Gewissen reden — und diejenigen aussortieren, die nicht mitmachen.

Und dennoch bleibt das alles Sonntagsrede und sinnloser Impuls, wenn die Frage nach dem individuellen Nutzen nicht beantwortet wird. Die Motivation von Menschen ist immer persönlich. Es gilt sich mit den Mitarbeitern des Unternehmens hinzusetzen und zu erarbeiten, wie neue Technologie und neues Denken ihnen helfen können, bessere Arbeit zu leisten und damit zugleich das persönliche Vorankommen zu fördern. Wir (Berater) nennen das “Anwendungsfälle entwickeln”. Der Anwendungsfall ist unsere Wunderwaffe. Ohne ihn geht es nicht. Er ist die absolut notwendige Unterfütterung des von oben formulierten Anspruchs. Ohne Anwednungsfall kein Wandel. Ohne individuelle Motivation keine Bewegung. Punkt.

„Living out loud.“

Und damit sind wir auch beim Thema dieses Buches. Denn ich bin davon überzeugt, dass auch für unsere Gesellschaft gilt, was für Unternehmen gilt.

Ich glaube nämlich, dass wir einen Wandel brauchen zum “Gemeinwesen 2.0″ — einem offeneren, partizipativeren, dialogorientierteren Gemeinwesen auf der Suche nach stets besseren Lösungen für ein gutes Leben. Das Gemeinwesen 2.0 ist für die Zivilgesellschaft das, was die Enterprise 2.0 für die Wirtschaft ist. Laut zu leben ist für unser Land mindestens so wichtig wie es für Unternehmen von Bedeutung ist, laut zu arbeiten.

Oder anders gesagt:

Wenn wir alle in unserem Gemeinwesen transparent machen, woran wir gerade denken und arbeiten und zudem darüber berichten, warum und wie wir das tun, werden wir und das Gemeinwesen auf lange Sicht erfolgreicher sein als wenn wir in unseren engen vier Wändern einsam und abgeschottet vor uns hin klöppeln. Weil wir so voneinander lernen können. Weil weniger Arbeit doppelt (oder einsam) getan wird. Weil wir die Fehler anderer vermeiden lernen. Und weil wir uns gegenseitig mit guten Ideen unterstützen können.

Deshalb müssen wir “laut leben”.

Aber ich glaube eben auch, dass ein solcher Wandel in einer Gesellschaft ebensowenig automatisch geschieht wie in einem Unternehmen; dass das Vorhandensein digitaler und sozialer Medien nicht ausreicht, um uns zu verändern. Auch ein solch öffentliches Projekt muss von oben gewollt und vorangetrieben und zugleich auf Bürgerebene gelebt werden, wenn wir uns als Gesellschaft weiterentwickeln wollen.

Mit dem “von oben” sieht es dabei zur Zeit düster aus. Denn unser Vorstand, aka unsere Regierung, ist meiner Meinung nach weit davon entfernt, das Fortkommen dieser Aufgabe angemessen zu unterstützen. Statt einen Kulturwandel aktiv voranzutreiben und diesen vielleicht sogar vorzuleben, gräbt man Deutschland um. Die Exekutive dieses Landes sieht das Gemeinwesen 2.0 nämlich wie viele Unternehmen eher als eine Art Infrastrukturprojekt. Jedenfalls drängt sich mir dieser Eindruck nach der Lektüre der Digitalen Agenda auf. Wie soll Geld, das zum größten Teil vergraben wird, Menschen zum Sprühen bringen? Megabit ist keine Maßeinheit für die geistige Aktivität. So wie auch der Autobahnkilometer niemals ein Maß für nachhaltige Regional-Entwicklung sein wird.

Auf dieses “oben” habe ich persönlich nur begrenzten Einfluss. Durch bewußtes politisches Engagement könnte ich das sicherlich ändern. Aber ich habe recht früh entscheiden, dass der Weg durch die Parteien nicht mein Weg ist. Deshalb will ich mich anders einbringen und dieses Gemeinwesen voranbringen. Mit den Methoden, die ich beherrsche, nämlich mit Kommunikation und Beratung. Ich will mit diesem Buch (dessen Entstehungsprozess dieser Blog abbildet) für unsere Gesellschaft das tun, was ich auch in Unternehmen tue. Ich möchte die besten Anwendungsfälle der Digitalen Transformation für die Zivilgesellschaft, den Alltag und unser Privatleben finden und dokumentieren. Ich will möglichst vielen Menschen zeigen, wie sie von den neuen Technologien und Ideen profitieren können. Und dadurch möchte ich möglichst viele Menschen dazu anregen, sich zu äußern, mitzumachen, eine Stimme zu haben und positiv zu wirken, um gemeinsam das Gemeinwesen 2.0 Wirklichkeit werden zu lassen.

Ich sehe mich sozusagen als Mitglied eines virtuellen Projektteams, das die Mechanismen sozialer Medien mit Hilfe praktische und individueller Anwendungsfälle bei uns im Land verankern helfen möchte. Für ein klares Ziel:

Ein gutes Leben.

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